Themenausschreibung März 2022

  • Thema 1: 99+ Matches: Funktioniert Tinder als "Egoboost"?
    Die Gründe, eine Dating App wie Tinder herunterzuladen, können sehr vielfältig sein. Kontrovers diskutiert wird die Funktion von Dating Apps als "Egoboost". Swipe-basierte Dating Apps laden dazu ein, Profile anderer Nutzer*innen mit einem Wischen nach links oder rechts abzulehnen oder zu liken. Während Nutzer*innen auf klassischen sozialen Medien Likes für einzelne Fotos oder Beiträge sammeln können, erhalten sie auf Dating-Apps Feedback für ihr gesamtes Profil. Für Nutzer*innen sichtbar werden nur "Matches", wenn zwei Personen einander geliked haben. Ablehnung durch andere wird genauso wenig sichtbar wie das Feedback derer, die man selbst abgelehnt hat. Ein besonderer Reiz von Dating Apps besteht also darin, dass das Feedback auf die Darstellung der eigenen Person so greifbar – in Form von zählbaren Matches – ist.
    Die bisherige Forschung konnte bereits einen korrelativen Zusammenhang zwischen Dating-App-Nutzungshäufigkeit (bzw. positivem Feedback) und psychologischen Variablen wie Selbstbewusstsein oder Einsamkeit nachweisen. Allerdings fehlen längsschnittliche Studien mit Nutzer*innen. Bei einer längsschnittlichen Studie befragen wir Nutzer*innen zwei Mal im Abstand von vier bis sechs Wochen. So können wir verstehen, ob erhöhtes Selbstbewusstsein auf die Dating App-Nutzung folgt oder ihr vorangeht.
    Auf der einen Seite ist es für Sie mit erhöhtem Aufwand verbunden, Dating App-Nutzer*innen aus Ihrem Netzwerk zu motivieren, tatsächlich zwei Mal teilzunehmen. Auf der anderen Seite können Sie auf einen bereits von uns vorbereiteten Fragebogen zurückgreifen. Wenn Sie sich (außer für Selbstbewusstsein) für andere psychologische Variablen interessieren, können Sie diese selbstverständlich gerne dem Fragebogen hinzufügen und sich darauf fokussieren.
  • Thema 2: Falsche Zahlen und ihre Wirkung: Die Rolle wahrgenommener Intentionen für den Ankereffekt falscher Zahlen in den Nachrichten
    In den Medien begegnen wir immer wieder falschen Zahlen – sei es zum Klimawandel, zu Migration, oder zu Gesundheitsthemen. Der Ankereffekt besagt, dass solche falschen und teils sogar irrelevanten Zahlen unsere eigene Einschätzung beeinflussen können. Selbst wenn wir wissen, dass Zahlen zu wichtigen Themengebieten falsch sind, können diese unsere Wahrnehmung verzerren. Aber ist das selbst dann der Fall, wenn bekannt wird, dass eine Person mit der Verbreitung der Zahl negative Absichten verfolgt?
    
Um dieser Frage nachzugehen, führen Sie ein Experiment durch, in welchem Sie eine falsche Zahl in einem Nachrichtenbericht als falsch entlarven (hohe Zahl/niedrige Zahl/Kontrollgruppe) und die Intention des Senders (offensichtlich negative Intention des Senders/keine Intention des Senders) manipulieren. Anschließend messen Sie, ob sich die eigene Einschätzung der Personen an der eindeutig falschen Zahl orientiert und welche Rolle die wahrgenommene Intention des Senders dabei spielt.
  • Thema 3: Moral Disengagement: Wie Werbung uns dazu verführt, umweltschädliche Konsumentscheidungen vor uns selbst zu rechtfertigen
    Viele Personen legen Wert darauf, umweltfreundlich zu konsumieren – und doch greifen sie wider besseres Wissen oft zu Produkten, die sie selbst problematisch finden. Dabei nutzen sie die Mechanismen des sogenannten "Moral Disengagement" (Bandura, 2016). Unter Moral Disengagement fallen unterschiedliche Rechtfertigungsstrategien, die uns dabei helfen, schlechte Dinge zu tun und uns dennoch gut zu fühlen.
    Die folgende Studie untersucht, ob Moral Disengagement-Strategien stärker angewandt werden, umso attraktiver ein Produkt ist. Dazu manipulieren Sie die Attraktivität eines umweltschädlichen Produktes in einer Werbung in einer Experimentalstudie und beobachten die Auswirkungen auf das Moral Disengagement der Proband*innen.
  • Thema 4: Effekte von Angst und Opferdarstellung in Terrorberichterstattung
    Topic 1: Effects of fear and victimization in terror coverage

    DE: Bei Terrorschlägen wie 2019 in Christchurch oder 2020 in Wien versuchen Terrorist*innen, durch Gewaltanwendung Einstellungen in der Bevölkerung zu beeinflussen und politische Positionen durchzusetzen. Unabhängig vom Hintergrund der Tat (rechtsextrem oder dschihadistisch) ist ein wichtiger Mechanismus dabei das Erzeugen von Angst, die durch mediale Berichterstattung weiter verstärkt wird. Bisherige Forschung hat gezeigt, dass neben der Bezeichnung der Tat als "Terrorismus" auch die Wahl der Opfer und ihre Darstellung in den Medien beeinflussen kann, wie Nachrichtenrezipient*innen auf Terrorberichterstattung reagieren. Es ist allerdings unklar, ob und inwieweit sich der emotionale Grundzustand der Rezipient*innen bei verschiedenen Opferdarstellungen auf Einstellungen und (geplante) Verhaltensweisen der Rezipient*innen auswirkt. Diese Zusammenhänge sollen in einem Experiment untersucht werden. Neben einstellungs- und verhaltensbezogenen Effekten soll beleuchtet werden, in welchem emotionalen Grundzustand und bei welcher Opferdarstellung Nachrichtenrezipient*innen einen potenziellen Anschlag als Terrorakt einstufen.

    EN: In terrorist attacks like in Christchurch in 2019 or in Vienna in 2020, terrorists try to influence attitudes in the population and to enforce political positions by use of violence. Regardless of the background of the act (far-right or jihadist), an important mechanism is the generation of fear, which is further reinforced by media coverage. Research to date has shown that, in addition to labeling the act as "terrorism", the choice of victims and their portrayal in the media can influence how news recipients respond to terror coverage. However, it is unclear whether and to what extent the basic emotional state of recipients at different victim portrayals affects attitudes and (intended) behaviors.
    These relationships will be investigated in an experiment. In addition to attitudinal and behavioral effects, the emotional state and the victim portrayal in which news recipients classify a potential attack as an act of terrorism should be examined.
  • Thema 5: Drivers of Dirty Campaigning: Eine quantitative Inhaltsanalyse von Dirty Campaigning auf Twitter im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2022
    Dirty Campaigning spielt eine zentrale Rolle im Wahlkampf von politischen Parteien. Solche untergriffigen Attacken – ob beleidigend, respektlos oder unwahr – sind auch in der französischen Politik häufig anzutreffen. Doch wie verwenden Politiker*innen Dirty Campaigning auf Twitter – einem wichtigen sozialen Medium in Frankreich? Welche Politiker*innen neigen eher zu Dirty Campaigning? Und welche Faktoren bedingen die Auswahl verschiedener Formen von Dirty Campaigning? Diese Fragen sollen in einer Masterarbeit mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse der Twitter-Postings von Kandidat*innen im französischen Präsidentschaftswahlkampf im ersten und zweiten Wahlgang untersucht werden. Diese Studie bietet neue Erkenntnisse in einem kaum untersuchten Forschungsfeld – nämlich der Verwendung von Dirty Campaigning in der Online-Kommunikation eines Wahlkampfes.